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Thomas Mann

Ich habe sehr schönes Spielzeug besessen in meiner Kindheit, wenn ich davon erzählen darf: der Kaufmannsladen, mit Ladentisch und Waage, war wundervoll, besonders, als er neu war und die Schubladen von Kolonialwaren starrten, und den Kornspeicher genau von der Art derer, die meinem Vater drunten an der Bahn gehörten – es fehlten nicht die Säcke und Ballen, die man emporwinden konnte (die Kurbel war hinten). Eine vollkommene Ritterrüstung mit eisenfarbener Pappe mit Bister-Helm, Turnierlanze und Schild schweben mir deutlich vor Augen; aber diese Romantik war unsolide, im Vergleich mit einer wirklichen und bis in jede Einzelheit vollkommenen vorschriftsmäßigen blauen Husarenuniform nebst allem Zubehör, die mir eigens vom Schneider angemessen worden war.

Übrigens fand ich kein sonderliches Gefallen an der militärischen Maskerade, und auch mit Bleisoldaten habe ich ohne rechte Leidenschaft gespielt, obgleich ich sehr prächtige, fast fingerlange mein eigen nannte, Berittene, die absitzen konnten, wobei mich nur der dicke Zapfen störte, den sie zwischen den O-Beinen trugen.

Mein Schaukelpferd aber habe ich zärtlich geliebt und ich wünsche wohl, ich könnte noch einmal den Arm um seinen Nacken legen. Es hieß Achill, ich selber taufte es so, und als ich es zum Geschenk erhielt, wollte es mir in seiner lebensvollen Größe wie ein schöner Traum erscheinen. Elegant gesattelt und gezäumt, hatte er das natürlich kindlich-rauhe Fell eines Fuchs-Ponys – es war wohl ein Fuchs-Pony in ausgestopften Zustande – und die treuherzigen Glasaugen von der Welt. Nicht aus Rittersinn liebte ich es, das weiß ich wohl, sondern als Tier, aus Sympathie mit seinem Fell, seinen Hufen und Rüstern, – wie ich denn auch im Laufe der Kindheitsjahre mich mit vielen Hunden beschenken ließ, mit Porzellan, Papiermaché und Bisquit, Möpsen, Teckeln und Jagdhunden, die ich mit Atlasschabracken, Flicken aus den Beständen der Schwestern, zu schmücken liebte.

Bei all dem ist wohl kein Zweifel, dass ich meine schönsten Stunden unserem Puppentheater verdankte, dass schon meinem älteren Bruder Heinrich gehört hatte, und dessen Dekorationen durch ihn, der Herr Maler geworden wäre, um viele, sehr schöne, selbst gemalte vermehrt worden waren. Die Art, wie ich dieses Kunstinstitut leitete, habe ich ausführlich in einer meiner ersten Novellen („Der Bajazzo“) beschrieben, und auch in Hanno Buddenbrocks Lebensgeschichte spielt er seine Rolle. Ich liebte dieses Spiel so sehr, dass mir der Gedanke, ihm jemals entwachsen zu können, unmöglich schien. Ich freute mich darauf, wenn ich die Stimme gewechselt haben würde, meinen Bass in den Dienst der sonderbaren Musikdramen zu stellen, die ich bei verschlossenen Türen zur Aufführung brachte, und war empört wenn mein Bruder mir vorhielt, wie lächerlich es sein würde, wenn ich als baßsingender Mann noch vom Puppentheater sitzen wollte.

So viel von meinem Spielzeug. Aber ich darf sagen, ich bedurfte zum Spielen des Apparates nicht, sondern war mir mit stiller Genugtuung der unabhängigen Kraft meiner Fantasie bewusst, die nichts

mir rauben konnte. Ich erwachte zum Beispiel eines Morgens mit dem Entschluss, heute ein 18-jähriger Prinz namens Karl zu sein. Ich kleidete mich in eine gewisse liebenswürdige Hoheit und ging umher, stolz und glücklich mit dem Geheimnis meiner Würde. Man konnte Unterricht haben, spazieren geführt werden oder sich Märchen vorlesen lassen, ohne dass dieses Spiel einen Augenblick unterbrochen zu werden brauchte; und das war das Praktische daran. Übrigens brauchte es nicht immer ein Prinz zu sein, meine Rollen wechselten häufig.

Denn da war ja ferner auch noch das Götterspiel, eine Unterhaltung ersten Ranges. Schon hatte der Leser aus dem Namen, den ich meinem Schaukelpferde gab, meine frühe Beschäftigung mit dem Elias ersehen. In der Tat haben mir Homer und Vergil in der dankenswerterweise alle Indianergeschichten ersetzt, um die ich mich nie bekümmert habe. In einem Buche, dass schon meiner Mutter beim Mythologie Unterricht gedient hatte (es trug eine Pallas Athene auf dem Umschlag und gehörte zu denen, die die Kinder dem Bücherschrank entlehnen durften), waren aus den Werken dieser beiden Dichter in deutscher Sprache passende Auszüge enthalten, die ich seitenweit auswendig wusste (besonderen Eindruck machte mir die „diamantscharfe schneidende Sichel“, die Zeus im Kampf gegen Typhon erhebt -ich wiederholte mir diese Stelle immer wieder), und früher war ich vor Troja, auf Ithaka und dem Olympos sowohl zu Hause, wie meine Altersgenossen im Lande des Lederstrumpfs. Und was ich so begierig in mich aufgenommen, das stellte ich spielend vor. Ich hüpfte als Homer mit papierenen Flügelschuhen durch die Zimmer, ich balancierte als Helios eine glanzgoldene Strahlenkrone auf dem ambrosischen Haupt, ich schleift als Achilleus meine Schwester, die wohl oder übel den Hector darstellte, unerbittlich dreimal um die Mauern von Ilion. Aber als Zeus stand ich auf einem kleinen, rotlackierten Tisch, der mir als Götterburg diente, und vergebens türmten die Titanen den Pelion auf den Ossa, so grässlich blitzte ich mit einer roten Pferdeleine, die obendrein mit Glöckchen benäht war

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